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Poetryslam Eva bricht das Schweigen

Poetryslam Eva bricht das Schweigen
Poetryslam Eva bricht das Schweigen
© Bistum Limburg

 

Eva bricht das Schweigen

 

Adam! Adam!

Komm her, wir müssen reden.

Denn seit mehr als 3 Jahrtausenden habe ich nun still geschwiegen,

ließ mich ohne Gegenwehr verbiegen

zum Sündenbock auf dem Schafott der gesamten Christenheit,

die – obwohl sie stets Vergebung predigt –

mir meinen Fehltritt nie verzeiht.

 

 

Und nicht nur mir, sondern auch allen meinen Töchtern,

die man verfolgt, verbrannt, gehasst, verdammt zum schwachen der Geschlechter.

Bis heute noch seh ich die Narben,

die die Flammen der Verteufelung tief in ihre Herzen graben

und all das nur, weil ich mir von einer falschen Schlange ein faules Früchtchen andrehen ließ.

Natürlich war es schade um das schöne Paradies,

aber können wir mal endlich darüber hinwegkommen?

 

 

Du hast es dir ja damals leicht gemacht,

als der Herr uns aufgebracht

nach dem Grund für unsren Sündenfall gefragt.

„Die Frau war’s", hast du gesagt,

„die Frau hat mich verführt"

und schufst damit die Ausrede, die bis heute als plausibel gilt,

zumindest unter untreuen Ehemännern und Politikern, die mit ihren Praktikantinnen schlafen.

Nun ist der Denkfehler in dieser Logik nicht nur mir alleine aufgefallen:

Mit welchem Recht kann ein Geschlecht,

das sich selbst „das Starke" nennt, so leicht dem Schwächeren verfallen?

 

 

Du tust ja so

als hättest du damals NICHT neben mir gestanden am Baum der Erkenntnis

und mit mir auf die reifen Früchte gestarrt.

Als hättest du NICHT geifernd neben mir ausgeharrt,

als die Schlange mir den Apfel reichte.

Als hättest du Widerspruch eingelegt.

Als hättest du ihn mit NICHT aus der Hand gerissen,

kaum dass, ich nur einen Bissen davon nahm.

Du warst schon immer gierig Adam

und wärest fast an deiner Gier erstickt,

in Form von einem roten Apfel,

der bis heut in deiner Kehle steckt.

 

 

Adam, du hättest den wahren Wert dieser Frucht nicht mal erkannt,

wenn ich hin mit bloßer Hand in den Baum geritzt hätte.

Wir waren Kinder, unschuldig und noch naiv,

eingesperrt im Paradies unter einer Glaskuppel,

in der Gott uns sanft gedeihen ließ,

bis wir bereit waren, für das Leben.

Der Schicksalsbaum hat uns die Macht gegeben,

zu trennen zwischen gut und schlecht,

die Freiheit uns mündig und recht auf die Suche nach Wahrheit zu begeben

und wie kann es denn verwerflich sein,

mehr Erkenntnis anzustreben?

Ist der Wunsch nach freiem Willen nicht ein guter Grund,

das Paradies für immer aufzugeben?

 

Egal, wie lang die Folgen meiner Tat mich auch noch quälen:

Könnt ich heut noch mal vor dem Baum stehen,

würde ich nicht anders wählen.

Ich habe mich lange in Schweigen gehüllt,

doch so langsam musst du’s raffen:

Du brüstest dich damit, Gott habe dich als Mann zuerst erschaffen.

Doch schuf er mich, sobald er sah:

Ein Mensch wie du, der kommt allein nicht klar.

Drum schuf er mit aus deiner Rippe,

ließ mich losziehen, mit der Bitte,

ich möge dir die Richtung weisen.

Nur durch die Schöpfung einer „Frau" konntest du doch „Mann" erst heißen.

Und sein Befehl, wir sollen die Welt beherrschen,

richtete sich nicht an dich, sondern an uns beide.

 

Und insgeheim – das weiß ich heute –

hat er dich nie zum Herrschen vorgesehen.

Das zeigt sich an den Strafen, die er uns beiden auferlegte,

die dein Schicksal erdeten und mein zu Höherem bewegte.

Dich ließ er die Pflüge ziehen, ließ dich auf den Äckern schwitzen,

zwischen Dornen und den Distel ließ er deine Haut aufritzen.

Kurzum: Er machte dich zum Bauern, mit dem Job, uns alle zu ernähren.

Mich dagegen machte er zur Mutter aller,

mit der Gabe zu gebären.

Er gab meinem Leib die Fruchtbarkeit, die Milliarden Kinder dir geboren.

Ich habe sie alle großgezogen, also wen nun von uns beiden

Hat er zu Führen auserkoren?

 

Doch manche deiner Söhne, wollen mir und meinen Töchtern dieses Recht bis heute vorenthalten.

Kleingehalten durch die Fuchtel willkürlicher Bibelverse

Von diversen Männern aufgeschrieben, nur um uns weiter vorzulügen,

dass wir nicht gleichberechtigt sind.

Doch niemand wird uns geben,

wonach wir schon seit Jahren streben,

wenn wir nicht endlich aus dem Beichtstuhl treten und reden.

Wir dürfen nicht im Schatten unsrer Kirchenbänke hocken bleiben

und wir dürfen nicht schweigen!

 

Wir dürfen flüstern, schreien, jaulen, lachen,

stottern, lispeln, Fehler machen,

dürfen Ängste, Stärke, Herzblut zeigen,

doch wir dürfen nicht schweigen!

Wir müssen nicht mehr um Erlaubnis fragen,

unsre Herzen auf der Zunge tragen

und Gehör für unsre Meinung kriegen,

auch wenn wir daneben liegen.

Denn wir dürfen nicht schweigen!

Wir müssen nicht mehr um Vergebung bitten.

Zieh das Klebeband von deinen Lippen.

Der Wandel kommt nur, wenn du sprichst.

Bleibst du stumm, dann hört man…

 

 

© Lisa Maria Olszakiewiecz